Das Isenbergheim *Ein Zuhause für wohnungslose Männer

Kornstrasse. Neustadt. Ich bin zu Besuch im Isenbergheim, einem Haus, dass seinen Bewohnern ein zu Hause bieten möchte. Ein zuhause für Menschen, die wohnungslos waren. Für Männer, die schon etwas älter sind und alkoholabhängig, und nicht mehr allein leben können. Der Clou: Hier dürfen die Männer ihren Alkohol trinken. Davon hatte ich schön gehört. Denn so was spricht sich rum. Das ist das Konzept im Isenbergheim. Neugierig konnte ich auf der Website lesen: „Gerade deswegen legen die Mitarbeiter des Hauses besonderen Wert auf ein friedliches, durch gegenseitige Achtung geprägtes Miteinander und stehen den Bewohnern in allen Lebenslagen unterstützend zur Seite. Gerne laden wir zum Kennenlernen ein.“

Isenbergheim 1

Also bin ich hin. Ins Isenbergheim. Dort treffe ich als erstes auf einen Heimleiter, der überzeugt. Überzeugt, weil „er mit mir redet, als sei ich ein alter Freund.“ Keine Unsicherheit, keine Berührungsangst, keine Vorsicht ist zu spüren, wie so oft, wenn man als Abgeordnete in Einrichtungen aufschlägt. Und schnell verstehe ich die Idee des Hauses. Alkohol zu trinken, ist erstmal eine Lösung. Eine Lösung, um mit den Problemen des Lebens fertig zu werden. Wer kennt das nicht von uns? Der Gedanke, erstmal ein Bier zu trinken. Und wer kennt es nicht? Die meisten haben einen Verwandten oder zumindest einen Bekannten, der dauerhaft trinkt. Die 35 Männer, die im Isenbergheim leben, sind chronisch suchtkrank, die, so in der Fachsprache, ihre Eigensteuerung verloren haben. Hier geht es also um Umgang mit Sucht, um Begleitung der Sucht. Um Suchtschädigungen durch die Familie und Biographie. Alkoholiker zu sein, dass geht queer durch alles gesellschaftlichen Schichten. Vom ehemaligen Facharbeiter bis zum Hochschullehrer, es kann jeden treffen.

Im Gespräch verstehe ich, dass das Konzept so gut funktioniert, weil die Menschen hier trinken dürfen, es aber nicht müssen. Manch einem gelingt es, trocken zu werden. So manch einem gelingt auch der Absprung, zurück in eine eigene Wohnung, in ein normales Leben. Mit Unterstützung, sogenannter aufsuchender Hilfe oder aber im betreutem Wohnen. Denn nicht jeder erträgt es, allein zu sein. Aber viele, viele bleiben im Dauerwohnheim, ihrem zu Hause. Die Mitarbeiter*innen werden zur Familie. Und die Männer, sie leben dort und sie sterben dort. Viele sterben im Isenbergheim. Auch dies gehört hier zur Philosophie des Hauses. Das Team fängt den sterbenden Mensch auf, begleitet im Übergang.

Zum Leben: Es besteht die Möglichkeit, durch einen Job seinen Tag zu strukturieren. Eine Konstante, die durch den Tag trägt. Ob nun als Küsterhilfe in der Kirche, als Postbote, in der Tätigkeit als Hausmeister, Gärtner usw. Und ohne die Vernetzung im Stadtteil wäre das gesamte Konzept nicht möglich. Ärzte und Psychiater kommen ins Haus; Pflegedienst, Sterbehilfe sind integriert, die Bewohner können in der Neustadt z.B. zur Selbsthilfegruppe Hippi Duru gehen und es besteht eine enge Zusammenarbeit mit dem Palliativdienst des Krankenhauses Links der Weser.

Ziel ist kontrollierter Alkoholkonsum. Das passt nicht jedem. Kritisiert wird, dass das eigene Geld verwaltet wird, denn ausgezahlt wird täglich ein Taschengeld. Der Gedanke, der dahinter steht ist nachvollziehbar, denn wer zuviel Geld hat, lässt sich voll laufen. Das kommt öfters vor, vor allem, weil das Isenbergeheim ein offenes Haus ist. Jeder kann kommen und gehen wann er will. D.h. aber auch, wer sich dicht machen will, der geht auf die Straße, und bittet um Geld. Und betrinkt sich dann. Auch das ist möglich.

Die Kritik am Taschengeld wird laut, als wir alle zusammensitzen, nachmittags beim Kaffeetreff. Da trudelt ein, wer will und kann. Wir kommen ins Gespräch. Ganz locker, halt beim Kaffee trinken. Der Leiter des Heims, Herr Windmüller, hat mich nicht angekündigt, ein Umstand, der hilft. Hilft, die Dinge sich entwickeln zu lassen, um umgezwungen diskutieren zu können, Dinge zu klären. Überrascht war ich von der Offenheit des Hauses, seiner Bewohner und der Mitarbeiter*innen. Überrascht, über die Art der Kommunikation, der neugieriger Fragen, persönlichen Erzählungen und Diskussion über allgemein gesellschaftliche und politische Fragen.

Zwei Stunden lang saßen wir zusammen, diskutierten u.a, warum dass Stadtticket (Sozialticket) so wichtig, aber leider für viele noch zu teuer sei, warum das Jakobushaus für viele ein Graus sei, welchen Effekt die aktuelle Schließung des Übergangswohnheim im Jakobushaus für Wohnungslose auf stationäre Einrichtungen wie das Isenbergheim habe (es fehlt noch an intensiv betreuten Einzelwohnungen), aber auch darüber, wie schwierig es sei, als (ehemaliger) Obdachloser sicher in dieser Gesellschaft leben zu können (hin und wieder werden Obdachlose verschleppt, auf offener Straße geschlagen …). Das Zusammensein und die erzählten Geschichten beim Kaffee haben mich tief beeindruckt, und nachhaltig überzeugt, von dieser auch sehr mutigen und engagierten Arbeit dieses Hauses.

Auch deshalb, weil es unter Berbern (…) heißt – so hört man halt es sagen – dass das Isenbergheim das Totenheim Bremens sei. Viele Männer sterben hier. Damit auch Obdachlose würdevoll sterben können, hat sich das Isenbergheim stark gemacht. Und zwar bis hin zu Möglichkeit, dass ehemals wohnungslose Menschen eine letzte Ruhestätte finden. Denn es gehört zu bitteren Wahrheit, dass derjenige, der keine eigene Wohnung hat, kein Geld hat, auch keins hat, damit er irgendwann beerdigt werden kann. Oftmals verschwindet die Asche von Obdachlose spurlos. Damit dies in Bremen nicht mehr geschieht, gibt es in Bremen ein Grabmal für Obdachlose, auf dem Waller Friedhof. (hierzu ein Filmbeitrag von radiobremen).

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Susanne Wendland

5 Comments

  1. Kai -  7. März 2014 - 15:20 (Your Comment is Under Moderation)

    Noch eine Nachbemerkung:
    Ich bin dieses Jahr seit 20 Jahren trocken und habe eine gewisse Abneigung gegen den Versuch, „sozial verträglich“ trinken zu lassen. Es ist ungemein schwierig, hier eine Grenze zu ziehen.
    Gleichwohl weiß ich aus eigener Erfahrung, dass dies im Isenbergheim meist gut klappt, mit gelegentlichen Aussetzern in die verkehrte Richtung.
    Gerade deshalb ist die Arbeit des Personals dort kaum hoch genug zu bewerten.

  2. Christin -  26. Februar 2014 - 16:34 (Your Comment is Under Moderation)

    Ich freue mich, dass Sie trotz Ihres nur kurzen Aufenthaltes so viel von der tollen Atmosphäre im Isenbergheim mitbekommen durften und diese Erfahrung mit der Öffentlichkeit teilen. Ich kann nur bestätigen, dass die MitarbeiterInnen tolle Arbeit leisten und der respektvolle und akzeptierende Umgang miteinander dazu beiträgt, dass zwischen MitarbeiterInnen als auch Bewohnern eine tolle Stimmung herrscht.

  3. Lars -  26. Februar 2014 - 12:44 (Your Comment is Under Moderation)

    Auch ich kenne das Isenbergheim und bin hocherfreut über Deinen spannenden Bericht.

    Die offene Atmosphäre ist deutlich zu spüren. Endlich mal viele positive Worte über das Leben, die Kommunikation und die Arbeit im Isenbergheim. Ein Zuhause soll es wirklich sein. Über 10-15 Jahre leben die Bewohner dort, auch immer öfter bis zu ihrem Lebensende. Auch dann dürfen sie Zuhause bleiben, wenn sie es wollen. Zwischen Wertschätzung und Akzeptanz werden Wege gesucht und gefunden, den Bedürfnissen und Wünschen der Bewohner gerecht zu werden. Jeder Mensch wird älter. Alt werden in einer Wohnungsloseneinrichtung ist möglich, auch mit Alkohol, ganz besonders, wenn ein Bewohner keine Angst mehr haben muss, seinen Wohnplatz deshalb zu verlieren.“

  4. Kai -  23. Februar 2014 - 11:42 (Your Comment is Under Moderation)

    Es freut mich ungemein, dass Du dort warst. Ich habe im Isenbergheim über ein Jahr regelmäßig Nachtbereitschaft gehalten und kann mich Deiner Einschätzung des Hauses und der Mitarbeiter dort anschließen. Übrigens: Die im Text erwähnte Selbsthilfegruppe heißt Hibiduri – eine Abkürzung für „Hier bist Du richtig.“

  5. Holger -  23. Februar 2014 - 10:57 (Your Comment is Under Moderation)

    Endlich mal eine Politikerin, die da hingeht, wo es weh tut. Und nicht nur theoretisiert. Im hohen Haus

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